Moventum AM | China läuft sich warm
Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM
Investmentfonds.de - Luxemburg, 20.04.2026 - China profiliert sich zunehmend als geopolitische Gegenfigur zu den USA: nicht als Ersatzhegemon, sondern als verlässliche Alternative mit ökonomischer Strahlkraft. Die Folgen reichen weit über Diplomatie hinaus, kommentiert Thorsten Fischer, Managing Director und Head of Portfolio Management bei Moventum AM. Mit den Lieferketten verändern sich die globalen Machtverhältnisse – und die Kapitalmärkte.
China positioniert sich im aktuellen geopolitischen Umfeld immer stärker als „ruhige Hand“ in einem zunehmend unruhigen System. Während die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump vielerorts als unberechenbar bis riskant wahrgenommen werden, gewinnt Peking vor allem im relativen Vergleich an Vertrauen. Der entscheidende Punkt: „China muss bestehende Konflikte nicht zwingend lösen, um Wirkung zu entfalten“, erklärt Fischer. Es reiche, konstruktiv, stabilitätsorientiert und berechenbar zu erscheinen – vor allem im Vergleich mit den USA.
Diese Rolle als geopolitische Gegenfigur erfüllt China mit bemerkenswerter Konsequenz und geopolitischer Eleganz. Diplomatische Initiativen etwa zu Iran, Ukraine oder Nahost sind dabei weniger als harte Lösungsschritte zu verstehen, sondern als Signalpolitik. „Peking sendet Botschaften der Deeskalation, Mahnung und Ordnungspolitik“, so Fischer, „und koppelt diese an starke ökonomische Anreize.“ Massive Infrastrukturinvestitionen, dichte Handelsbeziehungen und die aktive Rolle auf multilateralen Plattformen wie BRICS oder der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit stützen dieses Narrativ. China agiert damit eher als „Good Cop“ mit solidem wirtschaftlichem Unterbau.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel in Südostasien. Die Region wirkt wie ein Seismograf für die globale Machtverschiebung. Dort tendiert die Mehrheitswahrnehmung leicht in Richtung China, gleichzeitig wird die US-Politik als größtes Risiko eingeschätzt. „Der zentrale Befund lautet deshalb nicht, dass China automatisch attraktiver geworden ist“, so Fischer, „sondern dass die USA vielerorts als unberechenbarer gelten.“ Daraus entsteht ein neues Grundmuster internationaler Politik: Hedging wird zur Normalität. Staaten balancieren bewusst zwischen Washington und Peking, um strategische Handlungsfähigkeit zu bewahren. Selbst enge US-Partner wie Australien oder Kanada justieren ihre Positionen nach.
Auch Europa bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Sicherheitsbedenken gegenüber China bleiben bestehen, dennoch nimmt die wirtschaftliche Kooperation zu. Pragmatische Interessen gewinnen damit zumindest teilweise gegenüber einer strikt wertebasierten Außenpolitik an Gewicht. Das ist kein Bruch mit bisherigen Grundsätzen, wohl aber ein Indikator dafür, wie stark ökonomische Interessen und geopolitische Unsicherheit die europäischen Entscheidungen prägen.
Die eigentliche tektonische Verschiebung liegt jedoch tiefer: China gestaltet zunehmend nicht nur Märkte, sondern auch Regeln. Engagement in globaler Governance, etwa bei internationalen Abkommen zum Schutz der Ozeane sowie der Aufbau paralleler Institutionen und Einflusszonen deuten auf einen langfristigen Anspruch hin: Normsetzung ohne offene Konfrontation. Dem liegt ein implizites Systemangebot zugrunde, in dem staatliche Souveränität schwerer wiegt als individuelle Rechte, Stabilität wichtiger ist als politische Freiheit und Wachstum notwendiger als demokratische Prozesse.
Gleichzeitig bleibt die chinesische Oppositionsrolle nicht widerspruchsfrei. Misstrauen gegenüber Transparenz und politischem Einfluss, ungelöste regionale Konflikte wie im Südchinesischen Meer sowie begrenzte Erfahrung als globaler Krisenmanager setzen Grenzen. „Je stärker Chinas Einfluss wächst, desto weniger wird es an Rhetorik gemessen – und desto mehr an konkreten Ergebnissen“, so Fischer.
Für die Kapitalmärkte ist diese Entwicklung hochrelevant. Geopolitik wird erneut zum Preistreiber: Energiepreise, Lieferketten und Handelsströme reagieren zunehmend auf politische Narrative. In einer multipolaren Welt steigen Volatilität und Differenzierung zugleich. Das eröffnet Chancen, erhöht aber auch die Komplexität. Friendshoring und China+1-Strategien bleiben deshalb strukturelle Trends. China wird damit nicht nur als Markt relevant, sondern als systemischer Faktor. „Investitionen in China sind immer stärker auch politische Wetten“, erklärt Fischer. Gleichzeitig profitieren ausgewählte Emerging Markets von Chinas globalem Netzwerk.
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