LFDE Macroscope: Spielt China auf Zeit?
Olivier de Berranger, CIO bei LFDE - La Financière de l'Echiquier
Nachdem er in der Vorwoche ins Rampenlicht der Börsen zurückgepoltert war, stand Donald Trump abermals im Mittelpunkt der Schlagzeilen.
Zuerst wiederholte er seine harschen Äußerungen und unverhohlenen Drohungen gegenüber China.Er verwies erneut darauf, dass Peking "das Abkommen gebrochen" habe, schloss die Verhängung weiterer Zölle nicht aus und warnte, dass ein Abkommen nach seiner möglichen Wiederwahl schwieriger zu erreichen sei. Auch wenn manche Äußerungen etwas positiver waren, so dominierte doch ein rachelüsterner Tonfall seine Aussagen.
Trump unterzeichnete ferner ein Dekret, das den US-Telekommunikationsanbietern verbietet, Ausrüstung von ausländischen Unternehmen zu beziehen, die als Risiko für die nationale Sicherheit der USA eingestuft werden. Dieses unter Verweis auf den "nationalen Notstand" erlassene Dekret zielt unmittelbar auf China und in erster Linie auf den Branchenriesen Huawei ab. Selbst wenn diese Maßnahme bereits seit einiger Zeit geplant war, erscheint sie bei den aktuell zunehmenden Spannungen in einem anderen Licht. China reagierte unverzüglich und sprach von unangemessenen Maßnahmen, die "den Wirtschafts- und Handelsbeziehungen weiteren Schaden zufügen" könnten.
Des Weiteren verschob Trump seine Entscheidung über mögliche Zölle auf Autos und Ersatzteile aus Europa und Japan um sechs Monate. Dies wurde zunächst von der US-Presse berichtet und dann am vergangenen Freitag offiziell bestätigt. Die Märkte werteten dies als Zeichen für eine wieder etwas größere Verhandlungsbereitschaft Trumps.
Es wäre jedoch falsch, die aktuelle Lage ausschließlich anhand der Positionen und Äußerungen Donald Trumps zu analysieren, denn die Reaktion Chinas ist ebenso wichtig. So dämpfte Peking zum Ende der Woche die zweifellos übertriebene Zuversicht der Anleger mit der Aussage, aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit Donald Trumps wenig Interesse an einer Fortsetzung der Verhandlungen zu haben.
Bisher wurde noch kein Datum für die Wiederaufnahme der Gespräche genannt. Möglich wäre ein Treffen zwischen Trump und Xi Jinping auf dem G20-Gipfel (am 28. und 29. Juni). All dies belegt, dass China versucht sein könnte, auf Zeit zu spielen.
Selbst wenn für weitere chinesische Produkte im Wert von 325 Milliarden Dollar Zollerhöhungen angedroht sind - der Handlungsspielraum der USA wird mit jeder neuen Erhöhung der Zölle kleiner.
Angesichts der bedeutenden Geschäftsbeziehungen zahlreicher US-Unternehmen mit China ist es kaum vorstellbar, dass Washington die Zölle weiter anhebt oder chinesische Produkte mit einem massiven Boykott belegt. Auch wenn die Folgen der höheren Zölle für die chinesische Wirtschaft spürbar sind, bleiben sie dennoch moderat und können durch Konjunkturmaßnahmen ausgeglichen werden. Überdies muss China kaum Rücksicht auf Wahlergebnisse nehmen, und die Entschlossenheit der chinesischen Führung in dieser Sache wird von der Bevölkerung unterstützt. Anders gestaltet sich die Lage für Donald Trump, denn für dessen angestrebte Wiederwahl wäre eine Einigung mit China eine wichtige Trumpfkarte.
Mehr noch als ein einseitiger Abbruch der Verhandlungen oder eine Eskalation der Vergeltungsmaßnahmen besteht das Hauptrisiko also darin, dass die Handelsgespräche ins Stocken geraten. Obwohl Anleger eine Einigung für sehr wahrscheinlich hielten, kehrt nun die Ungewissheit zurück - keine besonders günstige Situation für die Märkte.
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